Cape Town


Freitag Nacht in Gugulethu

Nachtdienst in der Notaufnahme. Nach einigen kleineren Notfällen (Verkehrsunfälle, Verbrennungen, Überfall mit multiplen Frakturen, TBC mit Bluthusten) kommt um 9 Uhr unser erster GSW (Gun shot wound)-patient: Kleinkaliber, Schuss durch die Hand in den Rücken, hat vermutlich die Bauchaorta durchschlagen, die Patrone ist unter der Bauchhaut tastbar, der Patient ist 18 Jahre alt und bei Einlieferung bereits tot. Willkommen in Gugulethu, einem der Townships Kapstadt, einer der Gegenden, in der der weitaus überwiegende Anteil der Bevölkerung der Stadt lebt, in der sowohl Armut, HIV und Gewalt herrschen, als auch jene positive Energie, die alle diese Menschen trotz unvorstellbarer Zustände am Leben erhält und letzendlich auch die Apartheit bezwingen konnte. Viele Familien in den Townships wohnen auf wenigen Quadratmetern in Wellblech- und Papphütten (Shacks), viele haben kein eigene Toilette, jeder zweite ist arbeitslos, die Schulen sind schlecht, die sozialen Transferleistungen minimal. Freitags bekommen die Arbeiter hier ihren Wochenlohn, was in Kombination mit Alkohol, Enge und Frustration dazu führt, dass jedes Wochenende in eine wahre Gewaltorgie ausartet, wie man sie sich bei uns einfach nicht vorstellen kann. In der einen Nacht haben wir im Krankenhaus vier Patienten mit Schussverletzungen und etwa 15 mit Messerstichen mit vielen Nähten und Thoraxdrainagen versorgt, was vom diensthabenden Arzt als “quiet and peaceful night” bewertet wurde, da es sonst wohl noch viel schlimmer ist.

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Ein Blick auf einige Shacks von der Autobahn aus sicherer Entfernung. Im Township selbst haben wir uns nicht getraut zu fotografieren, erst wieder im Hospital mit Betonmauer und Stacheldraht drumherum und mehr Securities als medizinischem Personal.

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Ein vorsichtiger Blick über die Mauer (vom Klinikgelände nach draussen)

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Die Klinik mit den zwei neuen Doctors aus Germany..

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Das sind der Eingang und die Mauer von aussen.. da ist selbst das Aachener Klinikum hübscher!

In voller Aktion: Ein Patient mit sechs Messerstichen:
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Erst den Drain rein..

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…dann die sechs Stichwunden zunähen.


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Julia währenddessen hochkommunikativ 😉

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Am Morgen ist (fast) alles wieder in Ordnung. Im Dunkeln als Weisser durchs Township zu fahren wäre Selbstmord, am morgen auf dem Heimweg ist dann das Paradies wieder zurück. Was für eine verrückte Welt..

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5 Responses to 'Freitag Nacht in Gugulethu'

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  1. Berni said,

    Tach mal wieder!

    Scheint ja ein nettes Oertchen zu sein, dass Ihr Euch da ausgesucht habt. Ich hoffe Ihr habt Eure Schusssicheren Westen eingepackt ;). Ich brauche wohl nicht zu erwaehnen, dass ich immer wieder blass vor Neid werde, wenn ich Eure tollen Fotos sehe. Ich hoffe Ihr erlebt dort noch ne Menge, haltet aber bitte immer schoen die Koepfe unten wenn es irgendwo knallt.
    Ich werde ab naechster Woche mal Texas erkunden, das Auto ist schon gemietet. Sieht so aus als gaebe es hier doch ne ganze Menge mehr ausser Hochhaeusern und Burgerbuden.

    Bis spaeter,

    Berni

  2. Chris said,

    Hey Berni,
    das mit dem Kopf-unten-halten hab ich Julia heute auch eingeschärft! Wie siehts denn sonst so bei Dir aus? Nette Leute kennengelernt? Und im Krankenhaus? Und wann kommt eigentlich der Besuch aus Deutschland? 😉
    Schick mal ein paar Fotos rum!
    C+J

  3. xela said,

    ganz typisches julia-foto!

  4. Thilo said,

    hallo ihr beiden,

    wie geht´s euch? endlich muss ich mich jetzt auch mal der allgemeinen ich-bin-auf-euch-neidisch-meinung hier anschließen: ich möchte mir gar nicht vorstellen wie ihr gerade bei super wetter am stand liegt oder segelt, vielleicht gerade durch die weinfelder fahrt oder oder auf irgendwelchen märkten stöbert…. – während wir hier im verregneten aachen sitzen und uns über jeden sonnenstrahl freuen.

    die fotos – besonders die krankenhausbilder – find´ ich klasse. trotzdem muss ich ja sagen, dass ich mir sorgen um euch mache (ihr habt so lange keine fotos mehr ins netz gestellt) – hoffentlich wart ihr nicht mittelpunkt von so einer freitagsabend schießerei?

    ansonsten wünsche ich euch noch super viel spaß in afrika und bin natürlich schon sehr auf erzählungen und weitere fotos gespannt…

    viele grüße und bis demnächst, thilo

    p.s. Matze und ich haben letzte woche einen diavortrag “mit dem fahrrad von konstanz nach kapstadt” gesehen/ gehört. wär´ das nix für euren rückweg? hat sich sehr spannend angehört…

  5. Berni said,

    Hey Ihr,

    wie ist es Euch in Afrika, lange nichts mehr gehört. Hier in Hosuton ist die totale Hitze ausgebrochen. Lina ist inzwischen wieder weg. Wir haben die letzten Wochen ein paar schöne Seiten von Texas endeckt (nicht gerade leicht hier in Hosuton 😉 ). Hoffe Ihr habt wieterhin eine tolle Zeit da unten.

    Bis denne,

    Berni


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